
Web 2.0 und die menschliche Seele.
Vor einigen Tagen twitterte ich über die vollgeschissene Windel meines Sohnes und über meine Verwunderung, wie glücklich eine stinkende Windel eine Mama machen kann. Ich schickte den Tweet ab und runzelte sofort die Stirn. Hatte ich so eben tatsächlich über Scheiße getwittert? Und, verdammt nochmal, warum? Wen sollte in Buchstaben gepresste Scheiße bitteschön interessieren?
Ich kam ins Grübeln. Warum bloggen wir? Warum twittern wir? Warum ist es für uns so wichtig, uns mitzuteilen?
Ich bin ein Mensch, der seine Freiheit und besonders die damit verbundene Privatsphäre liebt. Als mich meine bessere Hälfte vor Jahren bat, sich mit ihm eine gemeinsame Wohnung zu suchen, da stimmte ich nur unter der Bedingung eines eigenen Zimmers mit eigenem Bett, eigenem Schreibtisch und – das allerwichtigste! – eigenem Schreibtisch zu. Da meine bessere Hälfte meine bessere Hälfte ist, stimmte dieser begeistert zu und freute sich, weil für ihn damit ebenfalls ein eigenes Zimmer heraus sprang. 90% aller Menschen, die uns besuchen, können das nicht verstehen.
Aber ich hasse es, wenn Menschen zu sehr in mich eindringen wollen. Wenn sie mich beherrschen, kontrollieren, ganz und gar kennen wollen. Sobald ich auch nur den allerleisesten Ansatz dafür finde, werde ich fauchig und unausstehlich. Ich verweise den anderen ziemlich heftig in seine Schranken. Wenn das passiert, ist das der glückliche Fall. Eigentlich kappe ich jegliche Bindung und jeden Kontakt sofort und ausschließlich.
Als Kind schrieb ich Tagebuch. Damals bot mir meine Mutter an, mein Tagebuch in ihrem Schrank zu verstecken. Sie würde gut darauf achtgeben und es nicht lesen. Ich vertraute ihr. Aber es ist wohl unnötig, zu erwähnen, dass sie es natürlich mit Genuss las. Und es mir um die Ohren haute. Mehrfach. Sie hatte keinerlei Respekt vor dem Versprechen, das sie mir gab und keinerlei Respekt vor mir. Wenn eine Mutter das eigene Kind verhöhnt und nicht respektiert, respektiert es sich selbst nicht. Ganz einfache Gleichung. Das Selbstwertgefühl des Kindes steht und fällt mit dem Bewusstsein der Eltern. Wie sollte es auch anders sein, wo Kinder das bewusste Denken und Reflektieren so spät beginnen, nämlich in einem pubertären Alter von ungefähr fünfzehn. Kontrolle. Sie kontrollierte und beherrschte mich. Sie meinte es nicht böse, es war nur ihre Art. Es musste auf ihre Weise laufen, in ihren Kram passen. Es durfte ihre Vorstellungen nicht zerstören. War man anders, empfand sie es wie das Geräusch, das Fingernägel auf einer Tafel verursachen.
Leider Gottes wurde sie mit einem Kind gestraft, das mit konventionellen Rollenverteilungen in der Gesellschaft so überhaupt gar nichts anfangen kann. Eigentlich schon Ironie des Schicksals. Wäre sie irgendeine daher gelaufene Tante und nicht meine Mutter, ich würde ihr raten, ihr unerzogenes, angeblich so störrisches und undankbares Balg als Aufgabe zu betrachten, etwas zu lernen – und dass sie nicht gegen das Kind kämpfen sollte. Denn ein Kind beherrschen zu wollen, führt nur zu einem einzigen Weg: zum Verlust desselbigen. Ebenso eine logische Gleichung. Psychologiestudium, erstes Semester. Amen.
Jemand, der einen Vogel in einen Käfig sperrt, liebt ihn nicht. Auch, wenn er ihm Futter und Wasser spendet. Er hält den Vogel nur für eigene Bedürfnisse fest, nur um sich an seinem Gesang zu erfreuen. Aber jemand, der einen Vogel liebt, lässt ihn frei. Weil Vögel fliegen müssen. Weil das ist, was sie glücklich macht. Man lässt sie fliegen – auch, wenn es weh tut.
Liebe ist, einem Menschen das Glück zu gönnen, auch wenn es einem selbst vor Augen führt, was man verpasst hat. Wenn es eigene Fehler wie ätzende Wunden offenbart. Wenn es weh tut. Das ist die Aufgabe der Eltern: Ihre Kinder glücklich sehen zu wollen. Nicht zu machen – das müssen sie schon selbst – aber es ihnen aus ganzem Herzen zu gönnen. Der eigene Schmerz darf niemals wichtiger als der des Kindes sein. Denn Kinder spüren diesen Egoismus wie Hunde, die Angst wittern. Wir sind nicht Eltern geworden, um unseren Kindern unser eigenes verpfuschtes Leben aufzubürden. Wir sind Eltern geworden aus Liebe. Und Liebe bedeutet nicht, Erwartungen zu haben. Besonders nicht den eigenen Kindern gegenüber. Denn sie haben uns nicht gefragt, zu uns kommen zu dürfen, oder? Nein, vielmehr haben wir sie gezwungen, ein Teil unseres Lebens zu werden, ob sie wollen oder nicht. Wie können wir uns anmaßen, von unseren Kindern auch nur irgendetwas zu erwarten? Wenn sie uns lieben, dann ist das ein wundervolles Geschenk. Ein Geschenk! Keine Selbstverständlichkeit!!
Ich möchte meine Familie aus ganzem Herzen lieben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie viele annehmen. Es ist eine Aufgabe. Ich blogge und twittere, weil ich hoffe, dass jemand davon liest. So, wie ich damals Tagebuch schrieb und hoffte, irgendwo jemanden zu finden, der es liest und – mich versteht. Das Glück wird nur größer, wenn man es teilt. Und deshalb twitterte ich auch über die vollgeschissene Windel. Vielleicht hat eine andere Mutter es gelesen und schmunzeln müssen.
Egal, wie anders, komisch und merkwürdig ein Mensch auch sein mag. Er will verstanden werden. Gehört, gesehen und geliebt werden. Für das, was er ist. Und nicht für das, was er tut.