Mal wieder.

August 2, 2011 - Schreibe eine Antwort

Freunde der Sonne.

Das war´s. Ich werde den Blog schließen. Nicht länger bin ich bereit, ihn als eine Plattform zu führen, auf der ich anderen Menschen Rüstzeug in die Hand gebe, um einen Feldzug gegen mich anzutreten. Immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich einfach drüber stehen, das übergehen sollte. Das kann ich aber so nicht. Das hier ist mein kleines Blog gewesen, auf dem ich immer wieder Momente, Gedanken, Gefühle festhielt. Eine Zeitlang begleitete er mich durch eine schwere Zeit, als ein lieber Mensch gestorben ist. Und eine Weile war er Teil einer wundervollen Schreiberlinggruppe, an die ich mich sehr gern zurück erinnere (*zum Goethe schiel und zwinker*).

Aber das ist okay. Wir müssen wachsen, uns weiter entwickeln und schon länger schwebte mir ein Blog vor, auf dem ich mehr für andere und weniger für mich selbst schreibe. Persönlich, aber trotzdem interessant – für euch. Vielleicht ;-) . Deshalb möchte ich euch einladen, mir auf einen neuen Blog zu folgen, denn für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine neue. Die Blogadresse werde ich nicht öffentlich breit treten – das wäre, als würde ich das Licht in einer Sommernacht bei geöffnetem Fenster anschalten. Aber ich bin noch einige Wochen unter der alten Email Adresse erreichbar, bis auch die sich komplett in eine andere ändert. Wenn ihr weiter lesen möchtet, schreibt mir eine Mail an julia.lienhart[at]web.de . Sagt mir bitte, wer ihr seid und welchen Blog ihr schreibt. Wenn ihr keinen Blog habt, werde ich euch vielleicht die Adresse nicht geben. Das ist nicht böse gemeint. Ich muss eben nur sicher gehen. Fragen kostet ja allerdings nichts.

Denkt nicht, ich möchte mich damit wichtig machen. Es ist einfach nur eine Maßnahme einer Entscheidung, die ich heute gefällt habe. Sie betrifft nicht nur mein Blog, sondern mein ganzes Leben. Es ist die Entscheidung zur Freiheit. Sich frei zu machen. Vom Korsett der engen Vorstellungen und Erwartungen anderer Menschen. Der Wille, sie von sich zu überzeugen (was eh unweise ist), obwohl sie einen nur benutzen wollen, manipulieren, wie einen Spielball in einem Tennismatch über´s Netz schlagen. Der eine auf die, der andere auf jener Seite. Und manchmal, da wollen sie auch einfach nur verletzen.

Sie meinen es sicher nicht böse und ich bin es den beiden Menschen auch nicht. Nicht wirklich (ich weiß ja, dass ihr das hier lest). Irgendwie könnt ihr nur nicht anders. Aber wie ich einst schon schrieb: Man muss sein Herz schützen. Und wenn man etwas von sich selbst erzählt, dann bedeutet das immer auch, sich angreifbar zu machen. Für andere. Es bedeutet Verletzlichkeit. Wenn diese schamlos ausgenutzt wird, um gnadenlos reinzutreten, dann sollte jeder Mensch handeln. Ich möchte wieder in die Anonymität zurück tauchen.

Ich freu mich auf einen Neuanfang. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

 

 

 

 

 

 

 

 

Geärgert.

August 2, 2011 - Eine Antwort

Ein Analyseversuch.

Es ist kein Geheimnis, dass ich mit Frauen nicht so kann. Das ist nicht, weil ich nicht wollte, sondern, weil ich bei Frauen ständig anecke. Im realen Leben ist das nicht anders wie im virtuellen, natürlich nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig, der signifikanteste ist wohl, dass ich alleine bei meinem Vater groß geworden bin.

Meistens halte ich mich deshalb einfach raus, steh am Rande, beobachte ein bisschen und bleibe für mich. Aber manchmal, da ärgere ich mich. Wirklich. Weil es nicht fair ist. Es ist diese unterschwellige Kommunikation, die mich angreift, die ihre Umgebung vergiftet.

Gestern z.B. schrieb ich einen Beitrag. Einen eigentlich augenzwinkernden. Er sollte positiv sein, war definitiv so gemeint und ein kleiner Feldzug gegen jene Menschen, die überall schlechte Laune verbreiten müssen und ihre eigenen Probleme zu den Problemen der ganzen Welt machen. Auslöser für den Artikel war eine Situation in einer Buchhandlung. Ich stand mit dem Kinderwagen vor einem Regal, stöberte in einem Buch, als eine Frau sich vor mir aufbaute und mir einen Blick zusandte, als wolle sie mir gleich an die Gurgel springen. Sie bedachte mich mit einem herablassenden, wütenden Blick, der in mir das Gefühl auslöste, mich dafür zu entschuldigen, dass ich überhaupt lebte. Mit gesenktem Haube fuhr ich den Wagen schnell davon, nur um mich an der nächsten Ecke zu ärgern. Was bildete sich die Kuh eigentlich ein, mich so zu behandeln? Hatte ich ihr etwas getan? Ging eine “Bitte” nicht auch freundlicher? Ist es denn so schwer, nett zu anderen Menschen zu sein?

Diese Situation verleitete mich zu meinem gestrigen Artikel. Diesen las eine Frau, die eine Fehlgeburt hinter sich hatte und darüber sehr unglücklich ist. Sie las meinen Artikel und fühlte sich offenbar angegriffen, denn sofort wurde ich vor anderen Frauen als arrogant bezeichnet, wurde abgestempelt, in eine Schublade gestopft und – dort vergessen.
Mich ärgert das. Mich ärgert, nicht persönlich angesprochen zu werden, mich ärgert dieses hinterrückige Verhalten. Mich ärgert, keine Gelegenheit zu bekommen, mich zu erklären.

Es ärgert mich, weil es so sinnlos ist. Weil es nur sinnloses Niedermähen eines Rasens ist, auf dem eventuell Freundschaften hätten gedeihen können.

Mein Wort zum Sonntag.

 

 

Schlecht gelaunte Menschen

August 1, 2011 - Eine Antwort

Schlecht gelaunte Menschen.

Es gibt Menschen, die sind regelrecht in der Seele versteinert. Sie sind neidisch, missgünstig, vom Leben enttäuscht. Sie sind wütend, ungnädig und deshalb ständig schlecht gelaunt. Das sind dann Leute, die in der Supermarktschlange rumpöbeln. Das sind Menschen, die anderen unentwegt Vorwürfe machen. Das sind Menschen, die einfach… häßlich sind. Ihr Innerstes leuchtet aus ihnen heraus wie ein alter, schimmliger Spüllappen.

Das ist so bescheuert. Leute. Echt. So bescheuert. Ihr habt nur dieses eine Leben und lasst euch gesagt sein, mit dem Zeigefinger fest auf eurer Brust: Es ist wundervoll. Das Leben ist wundervoll.


 

 

Über Bücher und Vorbilder

Juli 27, 2011 - Eine Antwort

Die Arena von Stephen King – gutes Buch! Leseempfehlung!

Ich hab ein Problem. Seit einigen Jahren schaffe ich es nicht mehr, Bücher zuende zu lesen. Zumindest einige nicht. Ich fange eines an und klappe es nach ein paar Seiten entnervt wieder zu. Bei uns stapeln sich die ungelesenen Bücher reihenweise und haben in mir eine undankbare Ignorantin gefunden.

Das Problem liegt dabei eigentlich nicht Den Rest des Beitrags lesen »

Nach Hause telefonieren

Juli 14, 2011 - Schreibe eine Antwort

Weißt du noch, damals? Du bist gerade ein paar Tage tot gewesen und ich hab´s einfach nicht begriffen, einfach nicht kapiert. Erst, als ich morgens um 3 noch wach in meinem Bett lag, da fiel mir ein, dass ich dich nie wieder anrufen kann. Niemals wieder mit dir am Telefon über das Leben in Australien diskutieren. Und da bin ich wütend geworden, dass mir heiße Tränen die Wangen runterliefen, dass ich mit den Fäusten auf mein Kissen trommelte. Ich war schrecklich wütend auf dich. Ich fand es so seltsam, niemals mehr das Handy in die Hand nehmen zu können, um dich anzurufen. Ich dachte: Gibt´s dort oben denn keine Telefone? Ich brauche doch nur deine Nummer.

Und dann hat das Telefon geklingelt. Morgens um 3 Uhr schellte es durch die Dunkelheit zu mir hinüber und ich griff wie betäubt nach dem Hörer. Bis morgens um 8 habe ich telefoniert, habe der Sonne beim Aufgehen zugesehen und dem Licht, das durch die Baumrkonen sickerte. Ich lachte, weinte, wrang meine Seele wie einen alten Küchenlappen aus, hörte zu, fing auf. Es war das schönste Telefonat meines Lebens.

Es war ein Zeichen. Eine Aufforderung.

Lebe.

Seelenstriptease

Juni 24, 2011 - Schreibe eine Antwort

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Web 2.0 und die menschliche Seele.

Vor einigen Tagen twitterte ich über die vollgeschissene Windel meines Sohnes und über meine Verwunderung, wie glücklich eine stinkende Windel eine Mama machen kann. Ich schickte den Tweet ab und runzelte sofort die Stirn. Hatte ich so eben tatsächlich über Scheiße getwittert? Und, verdammt nochmal, warum? Wen sollte in Buchstaben gepresste Scheiße bitteschön interessieren?
Ich kam ins Grübeln. Warum bloggen wir? Warum twittern wir? Warum ist es für uns so wichtig, uns mitzuteilen?

Ich bin ein Mensch, der seine Freiheit und besonders die damit verbundene Privatsphäre liebt. Als mich meine bessere Hälfte vor Jahren bat, sich mit ihm eine gemeinsame Wohnung zu suchen, da stimmte ich nur unter der Bedingung eines eigenen Zimmers mit eigenem Bett, eigenem Schreibtisch und – das allerwichtigste! – eigenem Schreibtisch zu. Da meine bessere Hälfte meine bessere Hälfte ist, stimmte dieser begeistert zu und freute sich, weil für ihn damit ebenfalls ein eigenes Zimmer heraus sprang. 90% aller Menschen, die uns besuchen, können das nicht verstehen.
Aber ich hasse es, wenn Menschen zu sehr in mich eindringen wollen. Wenn sie mich beherrschen, kontrollieren, ganz und gar kennen wollen. Sobald ich auch nur den allerleisesten Ansatz dafür finde, werde ich fauchig und unausstehlich. Ich verweise den anderen ziemlich heftig in seine Schranken. Wenn das passiert, ist das der glückliche Fall. Eigentlich kappe ich jegliche Bindung und jeden Kontakt sofort und ausschließlich.

Als Kind schrieb ich Tagebuch. Damals bot mir meine Mutter an, mein Tagebuch in ihrem Schrank zu verstecken. Sie würde gut darauf achtgeben und es nicht lesen. Ich vertraute ihr. Aber es ist wohl unnötig, zu erwähnen, dass sie es natürlich mit Genuss las. Und es mir um die Ohren haute. Mehrfach. Sie hatte keinerlei Respekt vor dem Versprechen, das sie mir gab und keinerlei Respekt vor mir. Wenn eine Mutter das eigene Kind verhöhnt und nicht respektiert, respektiert es sich selbst nicht. Ganz einfache Gleichung. Das Selbstwertgefühl des Kindes steht und fällt mit dem Bewusstsein der Eltern. Wie sollte es auch anders sein, wo Kinder das bewusste Denken und Reflektieren so spät beginnen, nämlich in einem pubertären Alter von ungefähr fünfzehn. Kontrolle. Sie kontrollierte und beherrschte mich. Sie meinte es nicht böse, es war nur ihre Art. Es musste auf ihre Weise laufen, in ihren Kram passen. Es durfte ihre Vorstellungen nicht zerstören. War man anders, empfand sie es wie das Geräusch, das Fingernägel auf einer Tafel verursachen.
Leider Gottes wurde sie mit einem Kind gestraft, das mit konventionellen Rollenverteilungen in der Gesellschaft so überhaupt gar nichts anfangen kann. Eigentlich schon Ironie des Schicksals. Wäre sie irgendeine daher gelaufene Tante und nicht meine Mutter, ich würde ihr raten, ihr unerzogenes, angeblich so störrisches und undankbares Balg als Aufgabe zu betrachten, etwas zu lernen – und dass sie nicht gegen das Kind kämpfen sollte. Denn ein Kind beherrschen zu wollen, führt nur zu einem einzigen Weg: zum Verlust desselbigen. Ebenso eine logische Gleichung. Psychologiestudium, erstes Semester. Amen.

Jemand, der einen Vogel in einen Käfig sperrt, liebt ihn nicht. Auch, wenn er ihm Futter und Wasser spendet. Er hält den Vogel nur für eigene Bedürfnisse fest, nur um sich an seinem Gesang zu erfreuen. Aber jemand, der einen Vogel liebt, lässt ihn frei. Weil Vögel fliegen müssen. Weil das ist, was sie glücklich macht. Man lässt sie fliegen – auch, wenn es weh tut.
Liebe ist, einem Menschen das Glück zu gönnen, auch wenn es einem selbst vor Augen führt, was man verpasst hat. Wenn es eigene Fehler wie ätzende Wunden offenbart. Wenn es weh tut. Das ist die Aufgabe der Eltern: Ihre Kinder glücklich sehen zu wollen. Nicht zu machen – das müssen sie schon selbst – aber es ihnen aus ganzem Herzen zu gönnen. Der eigene Schmerz darf niemals wichtiger als der des Kindes sein. Denn Kinder spüren diesen Egoismus wie Hunde, die Angst wittern. Wir sind nicht Eltern geworden, um unseren Kindern unser eigenes verpfuschtes Leben aufzubürden. Wir sind Eltern geworden aus Liebe. Und Liebe bedeutet nicht, Erwartungen zu haben. Besonders nicht den eigenen Kindern gegenüber. Denn sie haben uns nicht gefragt, zu uns kommen zu dürfen, oder? Nein, vielmehr haben wir sie gezwungen, ein Teil unseres Lebens zu werden, ob sie wollen oder nicht. Wie können wir uns anmaßen, von unseren Kindern auch nur irgendetwas zu erwarten? Wenn sie uns lieben, dann ist das ein wundervolles Geschenk. Ein Geschenk! Keine Selbstverständlichkeit!!

Ich möchte meine Familie aus ganzem Herzen lieben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie viele annehmen. Es ist eine Aufgabe. Ich blogge und twittere, weil ich hoffe, dass jemand davon liest. So, wie ich damals Tagebuch schrieb und hoffte, irgendwo jemanden zu finden, der es liest und – mich versteht. Das Glück wird nur größer, wenn man es teilt. Und deshalb twitterte ich auch über die vollgeschissene Windel. Vielleicht hat eine andere Mutter es gelesen und schmunzeln müssen.

Egal, wie anders, komisch und merkwürdig ein Mensch auch sein mag. Er will verstanden werden. Gehört, gesehen und geliebt werden. Für das, was er ist. Und nicht für das, was er tut.

Das Glück.

Juni 20, 2011 - 12 Antworten

Selbstverständlichkeiten.

Das Glück ist nicht selbstverständlich. Die Liebe ist es nicht. Hass ist nicht selbstverständlich, sich traurig zu fühlen oder wütend zu sein. Das alles ist nicht selbstverständlich. Denn es gibt etwas, das noch soviel schlimmer ist, als Traurigkeit oder Wut. Gleichgültigkeit. Überhaupt nichts zu empfinden.

“Tja und irgendwann war da gar nichts mehr”, sagt sie und steuert den Wagen um die Kurve. Draußen hängen tiefe Nebelschwaden, der Abend färbt den Himmel in ein tiefes Blau. Nur vereinzelte Scheinwerfer leuchten wie Irrlichter auf dem Weg.
“Irgendwann hoffte ich sogar, dass er einfach nicht wieder kommen möge. Dass es mir nichts ausmachen würde, wenn er einen Unfall hat.”
Sie schaut mich an. “Und da wusste ich, dass es Zeit ist, zu gehen.” Den Rest des Beitrags lesen »

Gesehen werden

Juni 17, 2011 - Eine Antwort

Jeder Mensch braucht jemanden, der ihn liebt.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie kostbar eine Familie ist. Weil sie gar nicht wissen, wie das Leben ohne all diese Menschen gewesen wäre. Das öde Familienfest zu Weihnachten, an dem Tante Erna eh wieder trinkt, bis sie umfällt und alte Kamellen von Zeiten erzählt, von denen heute niemand mehr etwas wissen möchte. Oder der nervige Cousin, der eigentlich nur mit dem Verpulvern des Geldes seiner Eltern beschäftigt ist, sich mal wieder in den Mittelpunkt drängen muss und der einem nicht mehr als ein müdes Augenrollen entlockt. Oder Onkel Tom mit dem verbitterten Zug in dem Gesicht, den streng aufeinander gepressten, geradlinigen Lippen und diesem eisernen Blick, als ob er nie blinzeln müsste, und der grundsätzlich schlechte Laune mit seinem Sarkasmus verbreitet. Das Leben könnte doch viel schöner sein ohne die kontrollierenden Anrufe der Mutter und den ewigen Scharmützeln des Vaters zu seinem Schwiegersohn. Oder?

Ein physikalisches Gesetz besagt, dass nichts existiert, wenn kein Beobachter da ist. Etwas kann nur existieren, wenn es gesehen wird. Jeder Mensch will gesehen werden. Jeder Mensch will geliebt werden.  Ich war schon als Kind fasziniert von den Familien anderer Menschen. Von ihren Strukturen, von ihren Gesetzen. Die Beziehungen der Menschen zueinander ist ein sensibles Geflecht wie das fein verwobene Adernnetz im Herzen. Jeder hat eine Aufgabe zu erfüllen, die er unbewusst oder bewusst übernommen hat.

Familie bedeutet, dass nie etwas perfekt ist. Dass ständig was schief geht, dass gestritten wird, man sich nicht einig ist. Es bedeutet ein Haus voller Lärm, voll umgeschmissener Gläser, voll Musik, voll Wärme, weil da immer jemand ist. Der dir zusieht. Der dich überhaupt sieht. Er beobachtet dich beim Großwerden. Wie du zum ersten Mal eine sechs in Mathe schreibst und dich nicht traust, diese nach Hause zu bringen. Und wie du zum ersten Mal nachts um 1 heimlich aus dem Fenster steigst, um dich an der Bushaltestelle zum Biertrinken zu treffen. Er beobachtet dich, wenn du zum allerersten Mal die Hauptrolle in einem Theaterstück bekommst und du dich vor einem applaudierenden Publikum verbeugst. Er konserviert dein Lächeln, das du über die Menge strahlst, um es dir zu zeigen, wenn du einmal nicht mehr lächeln kannst. Er sieht dich auch, wenn du dir die Haare selber vollkommen schief schneidest und wie du einmal das Klo so sehr verstopft hast, dass das Wasser die ganzen Treppen hinunter in den Flur gelaufen ist. Und er sieht dich auch, wenn du überhaupt nicht du selbst bist. Wenn du neben dir stehst, es dir nicht gut gehst und du nur wankend in einen neuen Lebensabschnitt taumeln kannst. Doch wenn du da oben stehst, auf der Theaterbühne, und du dich verbeugst, dann wird nur er dich ansehen und wissen, wieviel dir der Auftritt bedeutet. Wie sehr du darum gekämpft hast. Er wird wissen, dass du dich vor drei Stunden noch in das Badezimmer gesperrt hast, weinend, zitternd, weil du dachtest, es nicht zu können. Da oben zu stehen, unter dem Scheinwerferlicht, vor all den Menschen. Nur er wird um den heimlichen Zauber wissen, der dich in jenem Augenblick umweht und so unfassbar schön aussehen lässt. Es ist immer irgendjemand da. Der dich kennt und dich in seinem Erkennen festhält.

Was wären wir für armselige Gestalten, wenn es da draußen niemanden gäbe, der sieht, was du tust? Wenn du einen wunderschönen Pullover genäht hast und es ist niemand da, der ihn anzieht? Wenn du ein Bild malst und niemand ist da, dem du es zeigen kannst? Wie fühlt sich wohl die Beförderung in der Firma an, wenn niemand da ist, um diese mit dir zu feiern? Wie leer stünde ein Haus, in das du abends heimkehrst und niemand ist da, dem du von deinem Tag erzählen könntest?

Familie bedeutet, andere Menschen so sehen zu wollen, wie Gott [oderweroderwasauchimmer] ihn gemeint hat. Es bedeutet Wohlwollen. Vergebung. Die Arme weit zu einer Umarmung auszubreiten. Weil jeder Mensch geliebt werden will. Auch Onkel Tom mit dem stetig verbiesterten Gesichtsausdruck. Er könnte nicht leben, nicht sein, gäbe es da draußen nicht irgendwo jemanden, der ihm beim Gemeinsein zusieht.

 

 

 

 

 

Am Meer

Juni 14, 2011 - Schreibe eine Antwort

Meersehen.

Den Blick zur Horizontnaht schweifen lassen, die den Ozean mit dem Himmel vernäht, das Wasser spüren, das über die Füße schleckt und das Meer auf den Lippen schmecken können, während der Wind das Lied vom Leben singt. Dabei unser Baby auf dem Arm halten und ihm erklären, dass das das Meer ist. Der Ursprung allen Seins. Und in seinen Augen das Staunen erkennen und die Schäfchenwolken vom Himmel, die sich in seinen Blicken spiegeln. Fantastisch.

[Dabei vergisst man auch sofort die drei durchwachten Nächte und das Gas, das im Wohnmobil ausgegangen ist, weshalb wir unseren Kaffee auf dem Grill kochen müssen und natürlich haben wir keinen Grillanzünder. Auch ist die Kaffeemaschine vergessen, die mir auf den Kopf gefallen ist und die Würstchen, die man ohnehin vergessen hat - weshalb es Nudelsuppe gibt. Aus der Dose auf dem Grill erwärmt. Der Fahradfahrer, der mich beim Pinkeln erwischte, möchte sicher auch Erwähnung finden.]

Ich liebe campen.

Abi. Und alles andere.

Juni 8, 2011 - 5 Antworten

“Herzlichen Glückwunsch, Sie haben bestanden.”

Zwei Jahre. Zwei Jahre ziehen vor meinem inneren Auge vorbei wie ein Kinofilm, der zurück zum Anfang gespult wird. Frühling 2009, ein warmer Tag mit einem blass blauen Himmel. Ich bin abgekämpft, ich hab schwierige Jahre hinter mir und ich schäme mich. Fehler gemacht zu haben. Neu anfangen zu müssen. Vom Student zurück zum Schüler, hier, auf einem beruflichen, technischen Gymnasium.
Doch ich komme hier an wie eine Gestrandete an das Ufer einer wunderschönen Insel gespült wird.

Ich werde in die Klasse zu achtzehn Jungs geführt. Keine weitere Frau. Achtzehn Augenpaare starren mich ungläubig an. Der Beginn einer unglaublichen Zeit. Einer großartigen, fantastischen und ereignisreichen Zeit. Jungs, ich danke euch. So sehr, wie ihr euch überhaupt nicht vorstellen könnt. Ihr habt mich aufgenommen und genommen, wie ich bin. Wir haben zusammen gelernt, gelacht, gestritten und gekämpft.

Und dann bin ich schwanger geworden. Frühling 2010. Den Rest des Beitrags lesen »

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